Die traurige Kontinuität Mexikos

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MEXIKO-STADT taz | Jede Sohle erzählt von einer Geschichte. Zum Beispiel die von Letty Hidalgo: „Ich suche meinen Sohn Roy. Er ist am 11. Januar 2011 verschwunden.“ Oder die von Margarita Zacarías, der Mutter eines Studenten der Lehrerschule Ayotzinapa, der am 26. September 2014 verschleppt wurde: „Mein Sohn, ich möchte dir sagen, dass ich viel gegangen bin, um dich zu finden. Aber du sollst wissen, dass ich nicht aufgeben werde, und wenn es mich das ganze Leben kostet.“

Der Künstler Alfredo López Casanova hat solche Sätze in die Sohlen von Schuhen graviert. In die verschlissenen Sandalen, Stiefel oder Turnschuhe von Menschen, die sich in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen und Freunden befinden. Viele von ihnen haben damit Tausende von Kilometern zurückgelegt, um ihre Freunde und Angehörigen zu finden. Aus abgelegenen Dörfern der südmexikanischen Sierra sind sie nach Mexiko-Stadt gereist, um dort von oftmals gleichgültigen Staatsanwälten abgewiesen zu werden.

taz, 3. Juli 2017

Von einer Polizeibehörde zur nächsten sind sie gezogen, um dann häufig von korrupten Beamten beleidigt zu werden. Und immer wieder haben sie auf Demonstratio­nen und Märschen gefordert, dass ihre Stimme gehört wird; dass die Behörden aufklären, was mit ihren Angehörigen geschehen ist.

Wo diese Menschen wohl überall waren, fragte sich der Bildhauer López, als er am Muttertag 2013 an einem Marsch der Angehörigen teilnahm. So entstand die Idee für das Projekt „Huellas de la Memoria“ – „Spuren der Erinnerung“ –, in dessen Rahmen er bisher 170 Schuhe gesammelt hat. Dabei geht es dem Künstler explizit nicht um ein Erinnern an Vergangenes: „‚Huellas de la Memoria‘ porträtiert das Desaster des Landes und die humanitäre Krise, in der wir leben.“ Einen Teil der Sammlung hat López bereits in Mexiko ausgestellt, zusammen mit Kunstdrucken, die er und sein Team aus den gravierten Sohlen herstellen. So entsteht ein Ensemble aus Drucken und Schuhen, die als Installation an Fäden von der Decke hängen.

Ab dem 4. Juli ist die Ausstellung in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung zu Gast. Danach wird sie im Neurotitan im Haus Schwarzenberg, ebenfalls in Berlin, zu sehen sein. Und dann in Nürnberg, das wegen der Kriegsverbrecherprozesse für López ein Symbol darstellt gegen die Straflosigkeit, die in seinem Land vorherrscht.

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Über 32.000 Menschen gelten nach Angaben der mexikanischen Regierung derzeit als verschwunden. Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher liegen. Manche werden von Banden der organisierten Kriminalität verschleppt und gezwungen, für sie zu arbeiten. Zum Beispiel Migrantinnen und Migranten, die sich auf dem Weg in die USA befinden und dann unfreiwillig als Drogenschmuggler oder Prostituierte enden. Andere verschwinden, während sie sich in den Händen von Polizisten oder Soldaten befinden.

Immer wieder trifft es auch Journalisten, indigene Aktivisten oder kritische Umweltschützer. Manchmal werden ihre Leichen in Massengräbern am Rande von Dörfern, auf Fincas oder in abgelegenen Wald­stücken entdeckt. Von vielen fehlt jedoch für immer jede Spur. Die Angehörigen der 43 Ayotzinapa-Studenten, die vor zweieinhalb Jahren von Kriminellen und Polizisten verschleppt wurden, betonen: „Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück.“

Es ist vor allem auch die Ungewissheit, die Verwandte und Freunde von Verschwundenen zum Verzweifeln bringt. Der spanische Arzt und Psychologe Carlos Martín Beristaín beschreibt in seinem Buch „El Tiempo de Ayotzinapa“, wie viele Fragen die Angehörigen unermüdlich quälen. Beristaín gehörte einer Expertengruppe an, die im Auftrag der Interamerikanischen Menschenrechtskommission den Fall der 43 Studenten untersucht hat. Wie kaum ein anderer hat er deren Kommilitonen, Väter und Mütter, aber auch die Arbeit der Ermittler kennengelernt.

Sein Buch, aus dem er bei der Ausstellungseröffnung in der Böll-Stiftung lesen wird, ist ein Zeugnis der Gleichgültigkeit und Verachtung, mit der die mexikanischen Behörden die Angehörigen behandeln. „Während die Familien diese Qualen erleiden, hat die übrige Welt keine Eile“, schreibt er.

Künstler López will diese übrige Welt aufrütteln. Mit einer Handvoll Freiwilligen trifft er sich jeden Samstag in einem kleinen Atelier, das sich in einem heruntergekommenen Kolonialstil-Gebäude im mittlerweile gentrifizierten Zentrum von Mexiko-Stadt befindet. Hier stehen die abgelaufenen Sandalen eines Indigenen, dort die Stiefel eines Bauern und die Damenschuhe einer Arbeiterin. Selbst aus Guatemala, Kolumbien und Argentinien habe er Päckchen und Karten bekommen, sagt López.

Ihm geht es darum, die vielfältigen Gründe des Verschwindens darzustellen. Also findet sich im Atelier das Schuhwerk des Sohnes der Polizistin Araceli Rodríguez ebenso wie das des Vaters von Nadim Reyes, der der Guerilla­gruppe EPR angehörte. Zugleich zeigt die Sammlung eine traurige Kontinuität auf: Eines der Objekte verweist auf einen Guerillero, der bereits 1969 in Mexiko verschwunden ist.

Während López den Namen eines Absenders in einer Datei erfasst, gravieren seine Kollegen behutsam Buchstaben in die Schuhe. Mit einer kleinen Walze fährt der Künstler später sorgfältig über die Sohlen, um diese grün einzufärben und als Stempel für die Kunstdrucke zu benutzen. Grün stehe für die Hoffnung, erklärt er. Denn mit den „Spuren der Erinnerung“ will er nicht nur das Andenken an die Fehlenden stärken, sondern auch jene sichtbar machen, die nach ihnen suchen.

Eine von ihnen ist die Honduranerin Ana Enamorado. Vor sieben Jahren ist ihr Sohn Oscar in Mexiko verschwunden. Sie ist daraufhin nach Mexiko-Stadt gezogen. Von hier aus macht sie sich seither auf die Suche nach ihm und erlebte, wie die Behörden den Fall unter den Tisch kehren. Auch sie hält sich an diesem Nachmittag im Atelier auf. Sie ist gerade aus Rom zurückgekommen, wo die Ausstellung gezeigt wurde, bevor sie nun in Berlin zu sehen ist.

„Die Schuhe, zusammen mit den Botschaften von uns Angehörigen, hatten eine beeindruckende Wirkung auf die Besucher“, sagt sie. Nun erhofft sie sich, dass das Verschwindenlassen auch auf der anderen Seite des Atlantiks wahrgenommen wird. Nur so bestehe Hoffnung, dass sich in Mexiko etwas bewegt: „Die Regierung muss spüren, dass sie Druck von außen bekommt.“

London, Nizza, Berlin – für López hat die „Europatour“ eine große politische Bedeutung. Mexikos Diplomatie sei effektiv, wenn es gelte, die katastrophalen Verhältnisse im Land zu verschleiern, sagt er. Mit den Schuhen, diesen physisch erfassbaren Beweisen des Kampfes der Angehörigen, will er dieses Bild demontieren. Dazu hat er sich die verschiedensten Orte ausgesucht: In Rom wird die Ausstellung in einem besetzten Haus gezeigt, in Paris in einem Kulturzentrum, in Padua in einer ehemaligen Waffenfabrik, in London in den Räumen von Amnesty International. Im Berliner Neurotitan wird Amnesty mit einer eigenen neuen Wandtafel-Ausstellung dabei sein. Der Titel: „Wo sind sie? Kein Mensch verschwindet spurlos.“

Einige dieser Spuren ausfindig zu machen ist das Verdienst der Angehörigen-Organisationen, mit denen López eng zusammenarbeitet. „Die Wahrheit setzt sich durch“, so der Psychologe Carlos Beristaín, „wenn es jemand gibt, der sie voranbringt.“

 

 

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