Indigene Kandidatin will antreten

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ZAACHILA. In Mexiko will eine außergewöhnliche Kandidatin im Sommer Präsidentin werden: Marichuy, eine indigene Frau vom Stamm der Nahua, muss 866.000 Unterschriften vorlegen, um antreten zu können. Utopisch, aber Furore macht sie trotzdem.

Es ist Januar und auf dem Dorfplatz einer südmexikanischen Gemeinde versammeln sich zu Trommeln und Trompeten die Anhänger von Marichuy – der ersten indigenen Präsidentschaftskandidatin Mexikos. Stelzenläufer bewegen sich zwischen Männern in verschlissenen Arbeitshemden und Frauen, deren Gesichter von der Sonne gegerbt sind.

Deutschlandfunk Kultur, 19. Februar 2018

Es dämmert bereits, als Maria de Jesús Patricio Martínez, kurz „Marichuy“, endlich ans Mikrofon tritt. Sie spricht vom zerstörerischen kapitalistischen System, von der Armut in den Gemeinden und der Notwendigkeit, sich zu organisieren. Die 54-Jährige reist seit Oktober quer durchs Land, besucht Ureinwohner in abgelegenen Dörfer und redet vor linken Sympathisanten in den Städten. Denn um als Kandidatin antreten zu dürfen, braucht sie 866.000 Unterstützer.

Marichuy kämpft um jede Stimme. Wenn die kleine Frau in traditioneller Tracht zu ihresgleichen spricht, dann ist das mehr als ein Heimspiel. Sie gibt den indigenen Gemeinden Mexikos ein Gesicht und eine Stimme.

Die notwendigen Unterschriften wird Marichuy kaum sammeln können, aber allein ihr Wahlkampf ist ein Statement gegen die Diskriminierung der Ureinwohner Mexikos in ihrem eigenen Land.

Marichuy ist als eines von elf Kindern einer armen Bauernfamilie. Als kleines Mädchen musste sie Kürbiskerne verkaufen, damit alle genug zu essen hatten. Heute betreibt die Mutter dreier Kinder ein kleines Gesundheitszentrum.

„Hier behandeln wir Patienten mit traditioneller Medizin und naturheilkundlichen Methoden. Wir kümmern uns alle Kranken, nicht nur um Indigene. Wer kommt, ist willkommen.“

Wer vor dem Haus steht, würde nie vermuten, das hinter der schlichten Holztür eine Präsidentschaftskandidatin ihr Auskommen verdient. Auf der Theke stehen ein paar Fläschchen mit Tinkturen. Ein Tisch, zwei Stühle, an der Wand hängen Plakate, die Behandlungsmethoden beschreiben.

„Die traditionelle Medizin, die Kräuter, alles, was mit der Behandlung von Krankheiten zu tun hat, ist ein Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das ist unsere Grundlage. Wer die Natur verletzt, verletzt auch den Menschen. Wir betrachten also nicht nur den Kranken, sondern auch sein Umfeld.“

Seit vielen Jahren kämpft Marichuy gegen die Abholzung der Wälder, gegen den Bergbau, gegen die Verseuchung der Flüsse. Und für die Rechte der Ureinwohner, die etwa zwölf Prozent der mexikanischen Bevölkerung ausmachen. Als die Zapatistische Befreiungsarmee 1994 den Indigenen Nationalkongress gründete, war Marichuy dabei. Seither vertritt sie dort das Volk der Nahuas aus ihrer Heimatregion. Letztes Jahr beschloss der Kongress, die langjährige Mitstreiterin als Präsidentschaftskandidatin aufzustellen.

„Ich trage eine sehr große Verantwortung. Man hat mir ein außergewöhnliches Vertrauen entgegengebracht. Nun gilt es, meinen Auftrag umzusetzen. Die indigenen Völker müssen respektiert werden: ihre Sprache, ihre Kleidung, ihr Land, ihre Art und Weise, sich zu organisieren. Alles eben. Bisher hat man uns von außen Programme aufgezwungen, die nichts mit dem Leben in unseren Gemeinden zu tun haben. Projekte, die zu Spaltung, Tod und Ausplünderung führten. So darf es nicht weitergehen. Deshalb haben wir beschlossen, an der Wahl teilzunehmen. Es geht uns nicht um Stimmen, sondern darum, uns von unten zu organisieren.“

Interessierte Zuhörer findet Marichuy auch in den Universitäten des Landes. Junge Leute sammeln Unterschriften für ihre Kandidatur, Feministinnen unterstützen die Kandidatin, die auch Frauenmorde, Sexismus und häusliche Gewalt im Wahlkampf thematisiert.

Die Zeit der Frauen sei gekommen, ruft sie ihrem Publikum zu. Und die Zeit der indigenen und aller anderen Minderheiten.

„Nunca más un México sin nostros“

„Nie mehr ein Mexiko ohne uns!“ ruft sie vor den Studenten. Und damit dürfte sie Recht behalten, egal wie viele Unterschriften sie sammelt. Allein die Tatsache, dass eine indigene Frau öffentlich auftritt, Interviews gibt und das Recht einfordert, ernst genommen zu werden, macht die politische Elite Mexikos nervös.

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