Tödliche Exporte, Milde Urteile

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Ob sich der Wunsch von Leonel Gutiérrez und seiner Familie bewahrheitet? „Wir hoffen, dass dieses Urteil dazu beiträgt, dass es künftig keine deutschen Rüstungsexporte in Länder wie Mexiko und andere Krisenregionen mehr geben wird“, sagte der Mexikaner, nachdem das Stuttgarter Landgericht im Februar zwei frühere Beschäftigte des Kleinwaffenherstellers Heckler & Koch zu Bewährungsstrafen verurteilt hatte.

Zudem muss das Schwarzwälder Unternehmen 3,7 Millionen Euro Strafe zahlen, weil es Sturmgewehre von Typ G36 in mexikanische Bundesstaaten lieferte, obwohl die deutschen Exportbehörden wegen der schlechten Menschenrechtslage keine ­Genehmigung erteilt hatten. Die Angeklagten seien an der ­Fälschung von Ausfuhrdokumenten beteiligt gewesen, um den tatsächlichen Verbleib der Produkte zu verschleiern, urteilte das Gericht. Der frühere H & K-Geschäftsführer Peter Beyerle ging straffrei aus.

Amnesty-Journal, März/April 2019

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Niemand will Dreck aufwirbeln

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Joaquín „El Chapo“ Guzmán wurde in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Das ist die gute Nachricht, die gestern aus einem New Yorker Gericht verlautete. Denn der Chef des mexikanischen Sinaloa-Kartells ist für Massenmorde, Folterungen und andere schwere Verbrechen verantwortlich.

Mit diesem Urteil ist ein erster Schritt getan. Nun müsste der zweite erfolgen, um seiner Organisation ein Ende zu setzen. Damit Guzmáns Kartell agieren kann, braucht es ein umfangreiches Netzwerk von korrupten Helfern: Politiker, Polizisten, Militärs, legale Unternehmen und Banken. Ohne sie lassen sich keine Tonnen von Heroin herstellen, transportieren und über die US-Grenze schmuggeln. Und ohne sie kann man auch keine Milliardenumsätze in „sauberes Geld“ waschen.

taz, 13. Februar 2019

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Bis zum Tod im Gefängnis

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Auf seine „Vitamine“ wird Joaquín Guzmán Loera wohl künftig verzichten müssen. „Vitamine“ – so bezeichnete der mexikanische Mafiaboss nach Aussagen eines Zeugen jene Mädchen, die er sich für 5.000 US-Dollar bringen ließ und dann vergewaltigte, weil ihn das kickte.

Auch andere Verbrechen, die sich der Chef des Sinaloa-Kartells zu Schulden hat kommen lassen, wird er in Zukunft nicht mehr verüben können. Denn die zwölf Geschworenen eines New Yorker Gerichts, das drei Monate lang gegen den 61-Jährigen verhandelte, haben ihn in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen.

taz, 13. Februar 2019

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Allgegenwärtige Angst

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OAXACA taz | Wer am Dienstagmorgen die New Yorker Brooklyn-Bridge passieren wollte, musste mit erheblichen Verzögerungen rechnen. Die Brücke war gesperrt, selbst der Luftraum wurde abgeriegelt, wie auf Fernsehaufnahmen zu sehen war. Nur ein Konvoi gepanzerter schwarzer Fahrzeuge bewegte sich vom Manhattener Gefängnis Richtung Brooklyn.

Es war die Eskorte für den derzeit gefährlichsten Gefangenen des Landes: den mexikanischen Mafiaboss Joaquín Guzmán Loera,wegen seiner geringen Körpergröße auch „El Chapo“, der Kurze, genannt. In seiner Heimat war er zweimal aus dem Knast ausgebrochen. Hier im Herzen der USA wollten die Strafverfolger kein Risiko eingehen. Der 61-Jährige sollte sicher zu seinem Prozess im Eastern District Court gebracht werden.

taz, 14. November 2018

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Wenige Tage bevor am Montag in New York der Prozess gegen den mexikanischen Mafiaboss Joa­quín „El Chapo“ Guzmán beginnt, zog die US-Antidrogenbehörde DEA ein aktuelles Resümee. Das Sinaloa-Kartell Guzmáns sei weiter expandiert, heißt es in dem Bericht. Insgesamt seien die kriminellen Organisationen des Nachbarlandes die größte Bedrohung für die USA in Sachen Drogen. 91 Prozent des in den Staaten konsumierten Heroins stammten von dort. 2017 sei die Opiumproduktion in Mexiko im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent gestiegen.

Natürlich war nie zu erwarten, dass die Verhaftung des größten mexikanischen Capos sowie einiger seiner Konkurrenten das Drogengeschäft eindämmen würde. Die Kartelle sind interna­tio­nal organisierte Unternehmen, jeder ist ersetzbar.

taz, 4. November 2018

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Ein Gewehr geht um die Welt

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Leonel Gutierrez, Bruder des schwer verletzten Aldo

Iguala am 26. September 2014: Schüsse fallen, Sirenen heulen, Blaulichter durchdringen die Nacht. Junge Männer rennen durch die Straßen der südmexikanischen Provinzstadt, verfolgt von Polizisten und Kriminellen. Plötzlich fällt Aldo Gutiérrez auf den Boden, regungslos bleibt er im Regen liegen. „Wir dachten, er sei tot“, erinnert sich ein Freund, der in diesem Moment neben ihm steht. „Dann sahen wir, dass Aldo sich bewegte und Blut spuckte.“ Eine halbe Stunde später bringt ein Rettungswagen den Studentenins Krankenhaus. Der damals 19-Jährige überlebt – und liegt seither im Wachkoma.

Stuttgarter Zeitung, 25. September 2018

 

Ein Meister aus Deutschland

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Foto: diwa-film

Das Onda-Info des Nachrichtenpools Lateinamerika (NPLA) beschäftigt sich ausführlich mit dem illegalen Export deutscher Waffen nach Mexiko. In diesen Tagen jährt sich zum vierten Mal ein brutaler Angriff in der südmexikanischen Stadt Iguala. Sechs Menschen wurden damals von Polizisten und Killern der Mafia ermordet, 43 Lehramtsstudenten der Ayotzinapa-Universität sind bis heute verschwunden. Mehrere der Beamten trugen Sturmgewehre der Oberndorfer Firma Heckler&Koch – Waffen, die nie in diese Region hätten gelangen dürfen, weil die deutschen Behörden den Export dorthin nicht genehmigt hatten.

Fünf ehemalige Mitarbeiter der Rüstungsfirma stehen deshalb seit Mai dieses Jahres vor dem Landgericht Stuttgart. Seither wird dort über Endverbleibskontrollen, Verträge und andere bürokratische Abläufe gesprochen. Kein Wort verlieren die Beteiligten über die mörderischen Konsequenzen solcher Geschäfte: über die Menschen, die mit den Gewehren getötet oder schwer verletzt wurden. Oder über die Angehörigen der Opfer, die mit dieser schweren Bürde leben müssen.

Am 26. September, dem Jahrestag des Verbrechens, besucht der Mexikaner Leonel Gutiérrez den Stuttgarter Prozess. Leonel ist der Bruder von Aldo Gutiérrez, der in jener Nacht schwer verletzt wurde. Wir haben Leonel in Mexiko-Stadt getroffen. Zudem haben wir mit dem Rechtsanwalt Holger Rothbauer gesprochen. Er hatte mit dem Friedensaktivisten Jürgen Grässlin Anzeige gegen Heckler&Koch gestellt.

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Tage der Toten

los carteles no existenDer Titel klingt provokativ. „Die Kartelle existieren nicht“ – nennt der Journalist Oswaldo Zavala sein jüngst in Mexiko erschienenes Buch. Anhand von Publikationen setzt sich der mexikanische Autor mit dem Phänomen auseinander, das gemeinhin als „narco“, als Drogenmafia, bezeichnet wird. Er wirft einen kritischen Blick auf das Bild, das Zeitungsartikel, Romane, Sachbücher und Spielfilme von den kriminellen Organisationen zeichnen.

Zavala beschäftigt sich zu Recht intensiv mit Fiktionen. Denn gerade auf Erzählungen wie Don Winslows „Tage der Toten“ oder dem Netflix-Krimi „El Chapo“ basiert das populäre Wissen über den Alltag krimineller Banden, über Mafiabosse sowie deren Verbindungen zu korrupten Politikern oder Antidrogenbehörden. Daran ist einiges wahr. Wer Winslows Thriller liest, entdeckt viele Parallelen zu Ereignissen, die real stattgefunden haben.

taz, 1. September 2018

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Wie Waffenhandel tötet

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Iguala am 26. September 2014: Polizeisirenen heulen, Blaulichter durchdringen die Nacht, Busse mit zerschossenen Scheiben versperren den Weg. Mehrere Dutzend Studenten der pädagogischen Landschule Ayotzinapa  rennen durch die Straßen der mexikanischen Provinzstadt. Sie flüchten vor Polizisten, von denen sie gerade beschossen wurden. Dann sammeln sie sich auf einer Kreuzung. Wieder fallen Schüsse. Zwei Studenten gehen zu Boden und bleiben reglos im strömenden Regen liegen. Auch Ernesto Guerrero Cano befindet sich in diesem Moment auf der Straßenkreuzung. Später kehrt er an diesen Ort zurück.

Deutschlandfunk Kultur, 15. Mai 2018

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„Wenn ich eine Pfarrer ermorden kann, kann ich tun und lassen was ich will“

foto omar sotelo

Täglich sterben in Mexiko Menschen im Krieg zwischen Mafiabanden, Soldaten und Polizisten. Zunehmend werden auch Kirchenvertreter Opfer dieser Gewalt. Omar Sotelo Aguilar ist sowohl Pfarrer als auch Journalist: Er hat die Hintergründe der Angriffe recherchiert.

Für den mexikanischen Pfarrer Omar Sotelo Aguilar war der 14. Januar dieses Jahres ein ganz besonderer Tag. Jahrelang hatte er an seinem Buch gearbeitet, nun konnte er es endlich in der Kathedrale von Mexiko-Stadt vorstellen. Schon der Titel verweist darauf, dass sich Sotelo mit einem schwierigen Thema befasst hat: „Tragödie und Feuerprobe des Priestertums in Mexiko.“

Deutschlandfunk, 29. April 2018

„„Wenn ich eine Pfarrer ermorden kann, kann ich tun und lassen was ich will““ weiterlesen