„Extreme Gewalt“

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Alejandra Ancheita ist Juristin und Gründerin sowie Direktorin des Menschenrechtszentrums Prodesc in Mexiko-Stadt. 2014 erhielt sie den Martin-Ennals-Preis, der von zehn internationalen Menschenrechtsorganisationen ausgelobt wird.

? Mexiko wirbt als Gastland der Hannover-Messe mit seinen ausgezeichneten Investitionsbedingungen. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

! Die Regierung will damit auf internationaler Ebene als starker Partner dastehen. Doch mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. 74 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut. Zudem leiden wir unter extremer Gewalt: Menschen verschwinden, täglich werden sieben Frauen ermordet, der Menschenhandel blüht, Kinder müssen arbeiten.

taz, 21. April 2018

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Die Windräder des Bösen

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Die Einwohner der südmexikanischen Stadt Unión Hidalgo staunten nicht schlecht, als sie das Dokument der Energiekommission in ihren Händen hielten. 96 Windräder sollen auf ihrem Land gebaut werden, hieß in dem Schreiben, das die Indigenen im Juli letzten Jahres erhalten haben. Fast niemand wusste von den Plänen, und hätten sie nicht selbst angefragt, wüssten sie es vielleicht bis heute nicht. Das ist ein Verstoß gegen internationales Recht. Die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation und die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker sehen vor, dass die Gemeinschaften befragt werden müssen, bevor Großprojekte auf ihrem Boden geplant werden. Die Bewohner haben deshalb Klage gegen die Windanlage eingereicht.

taz, 21. April 2018

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Tödliche Berichte

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Foto: ProtoplasmaKid. Creative Commons.

Plötzlich war die Straße dicht. Reifen und Holzstangen versperrten den Weg. „Steigt aus, ihr Arschlöcher“, hörte Sergio Ocampo einen der etwa hundert Wegelagerer schreien. Er war mit einem Journalistenteam in Tierra Caliente unterwegs, einer Region im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero. Junge Männer, aber auch Kinder waren an dem Hinterhalt beteiligt. „Die meisten trugen Pistolen oder Gewehre“, erinnert sich Ocampo. Die Kriminellen nahmen ihm und seinen sechs Kollegen alles ab, was sie bei sich trugen: Kameras, Laptops, Handys, Bargeld. Selbst seinen Jeep musste der Lokalreporter zurücklassen. Nach 15 Minuten war der Spuk vorbei. Die Beraubten konnten mit ihrem zweiten Auto weiterfahren.

Amnesty-Journal März / April 2018

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Sex, Lügen und ein Drogenboss

castilloAlles begann mit einem Tweet. „Ich vertraue inzwischen mehr auf El Chapo Guzmán als auf die Regierungen“, schrieb die mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo vor fünf Jahren auf Twitter. Um zu verdeutlichen, was der Drogenboss tun könnte, legte sie noch nach: „Wäre es nicht super, Sie würden einfach anfangen, mit Gutem zu handeln?“ Etwa mit Medizin für Kranke oder Essen für Straßenkinder statt mit Drogen. „Handeln Sie mit Liebe, Sie wissen, wie das geht.“

Nein, das habe sie alles nicht wörtlich gemeint, sagt sie heute. Doch die warmen Worte für den Chef des mexikanischen Sinaloa-Kartells, der Zehntausende Todesopfer auf dem Gewissen hat, lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Und sie sorgten dafür, dass sich del Castillo und ihr US-Kollege Sean Penn drei Jahre und einige Tweets später mit Joaquín „El Chapo“ Guzmán trafen. Diese Visite führte wiederum dazu, dass der 60-Jährige jetzt in New York hinter Gittern sitzt – und sie stellte das Leben der in Hollywood lebenden Schauspielerin auf den Kopf.

taz, 7. November 2017

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Im Auftrag der Bäume

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Manchmal fliessen einfach nur noch die Tränen. «Nicht aus Feigheit, sondern weil wir nicht fähig sind, uns zu verteidigen», sagt Ildefonso Zamora. Seine Augen verraten eine tiefe Traurigkeit. «Es ist ein Schmerz, der nie vergeht, ein Verlust, den man nicht überwinden kann». Dann schweift sein Blick vom Esstisch hinüber zu seiner Frau Modesta, die über dem Feuer Maisfladen zubereitet. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ihr Sohn Aldo ermordet wurde. Gemeinsam mit seinem Bruder Misael war der junge Mann am 15. Mai 2007 in einen Hinterhalt geraten. Mehrere Männer eröffneten das Feuer und töteten Aldo. Misael kam mit einer schweren Lungenverletzung davon.

Amnesty-Magazin Schweiz, August 2017

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Spuren der Erinnerung

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Huellas de la Memoria – Ausstellung in Berlin. Foto: Jessica Zeller

Spuren der Erinnerung – das ist eine Ausstellung, die gerade in Berlin zu sehen ist. Im Fokus: Die mexikanischen Verschwundenen und die Suche ihrer Angehörigen. Mindestens 32.000 Menschen gelten seit 2007 als vermisst. Die einen werden von Kriminellen verschleppt, andere verschwinden, während sie sich in den Händen von Polizisten oder Soldaten befinden. Seit Jahren suchen die Angehörigen nach ihren Söhnen, Töchtern oder Geschwistern und fordern Aufklärung. Der mexikanische Bildhauer Alfredo Lopez und sein Künstlerkollektiv machen nun mit einer ungewöhnlichen Ausstellungen auf die Verschwundenen und den Kampf der Angehörigen aufmerksam.

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Die traurige Kontinuität Mexikos

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MEXIKO-STADT taz | Jede Sohle erzählt von einer Geschichte. Zum Beispiel die von Letty Hidalgo: „Ich suche meinen Sohn Roy. Er ist am 11. Januar 2011 verschwunden.“ Oder die von Margarita Zacarías, der Mutter eines Studenten der Lehrerschule Ayotzinapa, der am 26. September 2014 verschleppt wurde: „Mein Sohn, ich möchte dir sagen, dass ich viel gegangen bin, um dich zu finden. Aber du sollst wissen, dass ich nicht aufgeben werde, und wenn es mich das ganze Leben kostet.“

Der Künstler Alfredo López Casanova hat solche Sätze in die Sohlen von Schuhen graviert. In die verschlissenen Sandalen, Stiefel oder Turnschuhe von Menschen, die sich in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen und Freunden befinden. Viele von ihnen haben damit Tausende von Kilometern zurückgelegt, um ihre Freunde und Angehörigen zu finden. Aus abgelegenen Dörfern der südmexikanischen Sierra sind sie nach Mexiko-Stadt gereist, um dort von oftmals gleichgültigen Staatsanwälten abgewiesen zu werden.

taz, 3. Juli 2017

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