„Dann sollen sie uns eben alle ermorden“

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Javier Valdez wusste genau, dass sie ihn im Visier hatten. Immer wieder hatte der preisgekrönte Journalist in den vergangenen drei Monaten anonyme Drohungen erhalten. Trotzdem gab er nicht auf. »Dann sollen sie uns eben alle ermorden«, schrieb der 50-Jährige im März, als seine Kollegin Miroslawa Breach starb. Vergangenen Montag erschossen ihn nun Unbekannte in der nordmexikanischen Stadt Culiacán. Zwölf Kugeln feuerten sie auf ihn, als er gerade die Redaktionsräume seiner Zeitung, der »Riodoce«, verlassen hatte.

Seit vielen Jahren beschäftigte sich Valdez mit den Geschäften der organisierten Kriminalität. Er ist mit den Verbrechern groß geworden, denn in seiner Heimat, dem Bundesstaat Sinaloa, regiert seit langem das gleichnamige Kartell des in den USA inhaftierten Joaquín »El Chapo« Guzmán. 2015 veröffentlichte er »Narcoperiodismo«, ein Buch über journalistisches Arbeiten in Zeiten des Mafiaterrors, 2003 gründete er die »Riodoce«, die sich wie keine andere Zeitung mit den Drogengeschäften des Sinaloa-Kartells und seiner Rivalen beschäftigt.

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Ya basta

ungassDie kühnste Idee kam von Hector Astudillo Flores. Man solle den Anbau von Schlafmohn und Marihuana legalisieren, forderte der Gouverneur des südmexikanischen Bundesstaats Guerrero – einer Region, deren Opiumproduktion die Hälfte des US-amerikanischen Heroinkonsums deckt. »Wir müssen außergewöhnlichen Problemen mit außergewöhnlichen Maßnahmen begegnen«, sagte er im März. Den Vorschlag sollten die Vertreter seines Landes zur UN-Drogenkonferenz UNGASS in New York mitnehmen.

Astudillo will die Legalisierung auf Pflanzen beschränken, die zu medizinischen Zwecken angebaut werden. Dennoch ist sein Vorhaben einer verbreiteten Erkenntnis geschuldet: Wo Hanf, Schlafmohn oder Kokasträucher illegal kultiviert werden, gehören Erpressung, Mord und Totschlag zum Alltag. »90 Prozent der gewalttätigen Vorfälle in Guerrero geschehen im Zusammenhang mit Drogen«, ist der Politiker der ehemaligen Staatspartei PRI überzeugt.

Jungle World, 21. April 2016

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Vertuschung und Folter

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Protest im Lehrerseminar Ayotzinapa. Foto: Kristin Gebhardt

Unterschlagene Beweise, behinderte Ermittlungen und Folter – im Fall der 43 in Mexiko verschwundenen Studenten hat eine internationale Expertengruppe (GIEI) schwere Vorwürfe gegen die Strafverfolger erhoben. Das von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission eingesetzte Gremium stellte am Sonntag in Mexiko-Stadt seinen Abschlussbericht vor. Die Gruppe wirft Beamten vor, Zeugen gefoltert zu haben. Zudem fordert sie, dass die Rolle von Bundespolizisten und Soldaten bei dem Angriff vom 26. September 2014 untersucht wird.

Bei der gemeinsamen Attacke von Polizisten und Mitgliedern der kriminellen Bande „Guerreros Unidos“ in der Stadt Iguala wurden nicht nur 43 Lehramtsanwärter verschleppt, sondern auch sechs Menschen getötet. Bis heute ist unklar, was mit den jungen Männern passiert ist.

taz, 26. April 2014

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Ignoranz und Vertuschung

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Foto: Presidencia MX 2012-2018

28.000 Verschwundene, mindestens 100.000 Tote, über 280.000 Vertriebene und eine Regierung, die fast nichts gegen diese Zustände unternimmt. Vor dem Deutschlandbesuch des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto Anfang dieser Woche haben Menschenrechtsorganisationen beider Länder schwere Vorwürfe gegen den Staatschef erhoben. Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck müssten sich gegenüber Peña Nieto dafür einsetzen, dass er die Empfehlungen von UN-Gremien ernst nehme und gegen die hohe Straflosigkeit vorgehe.

Die Menschenrechtskrise hat katastrophale Ausmaße angenommen“, kritisiert die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko, die u.a. von Brot für die Welt, Amnesty International und Misereor getragen wird. Sie verweist auf den noch immer ungeklärten Fall der 43 Studenten, die im September 2014 von Polizisten und Kriminellen im Bundesstaat Guerrero verschleppt wurden.

taz, 11. April 2014

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Grimme-Preis für „Tödliche Exporte“

'Tödliche Exporte'Alles begann mit meiner Recherche für das Amnesty-Journal und die taz über zwei getötete Studenten im Jahr 2011. Erst mit der Zeit ist klar geworden: Nicht nur bei diesem Angriff von Polizisten im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero waren Sturmgewehre der Rüstungsschmiede Heckler&Koch im Einsatz, die nie in diese Region hätten gelangen dürfen. Später bestätigten Papiere des mexikanischen Verteidigungsministeriums, dass über 4500 dieser G36 illegal in vier Bundesstaaten gelandet waren. Und so wunderte es mich fast nicht mehr, dass ich nach einem weiteren Angriff auf Studenten im September 2014 feststellte: Wieder waren diese schwäbischen Schießeisen im Spiel. Bis heute ist unklar, was mit den damals verschwundenen 43 Lehramtsanwärtern passiert ist und warum in der Nacht sechs Menschen sterben mussten. Außer Zweifel steht aber, dass mit illegal gelieferten deutschen Waffen in der Nacht geschossen wurde.

Ich freue mich sehr, dass diese Recherchen einen wichtigen Teil dazu beigetragen haben, dass die mexikanischen Verhältnisse über mehrere SWR und BR-Produktionen in Deutschland sichtbarer wurden. Und natürlich darüber, dass wir für diese Arbeiten – Weltspiegel, Report Mainz, Report München, Spielfilm „Meister des Todes“, Dokumentation „Wie das G36 nach Mexiko kam“ und Webdoku – den Grimme-Preis 2016 gewonnen haben.

16-04-08--GRIMME-PREIS-40__JG+++Vielen Dank an Daniel Harrich, Thomas Reutter und die anderen, die das möglich gemacht haben! Nun bin ich gespannt, was der Prozess gegen ehemalige Mitarbeiter von Heckler&Koch ergibt, der wohl frühestens im Herbst beginnt. Und ganz besonderen Dank an die mexikanischen Aktivisten und Aktivistinnen, die diese Recherche unterstützt haben.

Von Oberndorf nach Iguala

DSC_0902-ISechs Tote und 43 Verschwundene: Der Angriff auf Studenten im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero im September 2014 machte die kriminelle Verflechtung von Politikern, Polizisten und Verbrechern international sichtbar. Eine ganz eigene Spur führte nach Deutschland: Bei dem Massaker waren G36-Sturmgewehre der Rüstungsschmiede Heckler&Koch im Einsatz, die nie in diese Region hätten gelangen dürfen. Bereits 2010 hatte der Aktivist Jürgen Grässlin wegen der illegalen Exporte Anzeige erstattet. Über fünf Jahre später reagierte die Staatsanwaltschaft: Vergangenen November erhob sie Anklage gegen ehemalige Angestellte der Schwarzwälder Firma. Nun muss das Landgericht Stuttgart darüber entscheiden, ob und wann der Prozess eröffnet wird. Doch geht es nach dem Willen von Aktivistinnen und Anwälten, müssten weitere Verantwortliche auf der Anklagebank sitzen. Und auch die Opfer sollten am Verfahren teilnehmen.

Ein Radiobeitrag für den Nachrichtenpool Lateinamerika, 23. März 2016

Mexiko außer Kontrolle: Wo kriminelle Kartelle das Land regieren

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Ayotzinapa: Ich bin langsam, aber schonungslos – die Gerechtigkeit. Foto Kristin Gebhardt

Entführungen, Erpressungen, Morde – seit Jahren fordert der mexikanische Drogenkrieg seine Opfer. Über 100.000 Menschen sind seit 2006 gestorben, mindestens 25.000 wurden verschleppt.

Häufig können die Verbrecher auf den Schutz staatlicher Vertreter bauen – in vielen Gemeinden stehen die Bürgermeister auf den Gehaltslisten der Kartelle, lokale Polizisten und andere Beamte arbeiten oft direkt für die Mafia. Längst hat die Bundesregierung in einigen Regionen die Kontrolle verloren. Kritiker werfen ihr vor, nicht konsequent gegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen vorzugehen.

Die Menschen versuchen indes, sich selbst zu helfen und organisieren sich in Bürgerwehren. Und sie machen sich selbst auf die Suche, um nach ihren verschwundenen Angehörigen zu suchen.

Radiobeitrag für den ORF, Journal Panorama, 11. Februar 2016,