Spuren der Erinnerung

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Huellas de la Memoria – Ausstellung in Berlin. Foto: Jessica Zeller

Spuren der Erinnerung – das ist eine Ausstellung, die gerade in Berlin zu sehen ist. Im Fokus: Die mexikanischen Verschwundenen und die Suche ihrer Angehörigen. Mindestens 32.000 Menschen gelten seit 2007 als vermisst. Die einen werden von Kriminellen verschleppt, andere verschwinden, während sie sich in den Händen von Polizisten oder Soldaten befinden. Seit Jahren suchen die Angehörigen nach ihren Söhnen, Töchtern oder Geschwistern und fordern Aufklärung. Der mexikanische Bildhauer Alfredo Lopez und sein Künstlerkollektiv machen nun mit einer ungewöhnlichen Ausstellungen auf die Verschwundenen und den Kampf der Angehörigen aufmerksam.

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Die traurige Kontinuität Mexikos

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MEXIKO-STADT taz | Jede Sohle erzählt von einer Geschichte. Zum Beispiel die von Letty Hidalgo: „Ich suche meinen Sohn Roy. Er ist am 11. Januar 2011 verschwunden.“ Oder die von Margarita Zacarías, der Mutter eines Studenten der Lehrerschule Ayotzinapa, der am 26. September 2014 verschleppt wurde: „Mein Sohn, ich möchte dir sagen, dass ich viel gegangen bin, um dich zu finden. Aber du sollst wissen, dass ich nicht aufgeben werde, und wenn es mich das ganze Leben kostet.“

Der Künstler Alfredo López Casanova hat solche Sätze in die Sohlen von Schuhen graviert. In die verschlissenen Sandalen, Stiefel oder Turnschuhe von Menschen, die sich in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen und Freunden befinden. Viele von ihnen haben damit Tausende von Kilometern zurückgelegt, um ihre Freunde und Angehörigen zu finden. Aus abgelegenen Dörfern der südmexikanischen Sierra sind sie nach Mexiko-Stadt gereist, um dort von oftmals gleichgültigen Staatsanwälten abgewiesen zu werden.

taz, 3. Juli 2017

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„Wir brauchen Solidarität“

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Foto: Premio Gabriel García Marquez del periodismo

taz: Frau Turati, Reporterinnen wie Sie sind in Mexiko zunehmend mit den Folgen der Gewalt konfrontiert: mit Massengräbern, verstümmelten Leichen, verzweifelten Angehörigen. Wie verändert das Ihre Arbeit?

Marcela Turati: Ich habe mich mein ganzes journalistisches Leben lang mit Armut beschäftigt. Früher ging ich in in­digene Gemeinden, schrieb über Menschenrechtsverletzungen und Naturkatastrophen. Doch meine Arbeit sieht völlig anders aus, seit der damalige Präsident Felipe Calderón 2008 massiv Soldaten in Bundesstaaten entsandte, in denen die Drogenkartelle stark waren. Die Redaktionen schickten mich in die Regionen, und von einem Tag auf den anderen wurde ich zur Kriegsreporterin im eigenen Land. Ich sprach mit Waisen, Witwen und Vertriebenen, schrieb über Feuergefechte und zählte die Toten. Plötzlich musste ich über 72 ermordete Migranten berichten, die man in Gräbern fand. Oder über die Mutter, deren achtjähriger Sohn verschwand.

taz, 14. Dezember 2015

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Traurige Suche nach Gewissheit

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„Ich suche dich, bis ich dich gefunden habe“. Mario Vergara

Ast für Ast kämpft sich Mario Vergara durch das dornige Gestrüpp. Hier in den Bergen rund um die Stadt Iguala müssen die Kriminellen seinen Bruder Tomás verscharrt haben. Vor drei Jahren wurde er entführt, seither fehlt jede Spur. Nun hat sich Vergara selbst auf die Suche gemacht.

Gemeinsam mit anderen, die ihre Angehörigen vermissen, durchkämmt der 40-jährige Mexikaner das Gelände. Doch zwischen all dem Unkraut und den vertrockneten Büschen fällt es schwer, die Erdlöcher zu finden, in denen die Mörder ihre Opfer verschwinden ließen.

„Wir suchen nach Anzeichen dafür, dass die Erde bewegt wurde. Man erkennt das zum Beispiel, wenn die Steine etwas tiefer liegen.“

Vergara entdeckt eine leichte Absenkung, auf der die Erde locker aufliegt. Hier müsse etwas sein, sagt er. Dann nimmt er eine Eisenstange, treibt sie mit kräftigen Hammerschlägen in den Boden und zieht sie wieder heraus. Riecht es nach verfaultem Fleisch, liegt hier ein Toter.

Deutschlandradio, 20. September 2015

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Freihandel geht über Leichen

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„Ich suche dich, bis ich dich finde“ – Angehörige von Verschwundenen in den Bergen rund um Iguala

Schon die Meldung selbst führt auf die falsche Spur: Bei der Suche der im letzten September im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero verschwundenen Studenten habe man inzwischen 129 Leichen in 60 Massengräbern gefunden, informierte am Sonntag die Generalstaatsanwaltschaft (PGR) des Landes.

Es sind jedoch nicht die Strafverfolger, die diesen fragwürdigen Erfolg für sich verbuchen können. Die Angehörigen von Verschwundenen selbst waren es, die zunächst durch die Berge zogen und sich Quadratmeter für Quadratmeter durch das dornige Gebüsch kämpften, um nach ihren verscharrten Brüdern oder Söhnen zu suchen.

Kommentar in der taz, 27. Juli 2015

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Der Geruch des Todes

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Auf der Suche nach verschwundenen Neffen: Juan Jesus Canáan, Foto: Kristin Gebhardt

„Positiv!“ Mario Vergara klopft den Umstehenden auf die Schulter. „Habe ich es nicht gesagt?“ Die lockere Erde, die leichte Absenkung. Hier musste etwas sein, da war sich der 40-Jährige sicher. Und jetzt der Beweis: Die Spitze der Metallstange, die sein Mitstreiter Juan Jesús Canaán gerade in den Boden gerammt hat, stinkt nach Verwesung. Wieder haben Vergara und seine Leute ein Grab gefunden. Die Suche, so scheint es, ist für den Mexikaner zur Routine geworden – und zur Berufung. Und wieder fragt er sich: Liegt hier mein Bruder?

taz, 19. Februar 2015

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Das nächste Massaker

Pädagogische Fachschule Ayotzinapa
„Ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Praxis“ – Fachschule Ayotzinapa / Tixtla / Mexiko

Sie hatten Spenden gesammelt, um zu einer Demonstration nach Mexiko-Stadt zu fahren. Dort wollten sie am 2. Oktober an einem Marsch zum Gedenken an das Massaker von Tlatelolco von 1968 teilnehmen, bei dem mindestens 300 friedlich demonstrierende Studenten vom Militär ermordet worden waren. Doch dann kam alles anders: Die jungen Männer, die vor knapp drei Wochen in der Stadt Iguala im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero ein paar Pesos Unterstützung gesucht hatten, wurden offenbar selbst Opfer eines Massenmords. Polizeibeamte hatten am 26. September drei Busse gestoppt, die von den Studenten der pädagogischen Fachschule Ayotzinapa »beschlagnahmt« worden waren, um nach Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften nach Hause zu kommen. Die Polizisten eröffneten das Feuer. Kurz darauf beschossen Killer der kriminellen Organisation Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger) einen weiteren Bus und ein Treffen der Studenten. Sechs Personen starben, 43 verschwanden.

Jungle World, 16. Oktober 2014

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