Protestant des Volkes

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MEXIKO-STADT taz | Fünf Monate hat Mexikos gewählter Präsident bereits faktisch mitregiert. Am 1. Dezember übernimmt Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO, nun auch offiziell sein Amt.

Gleich nachdem ihm die MexikanerInnen am 1. Juli mehrheitlich ihre Stimmen gegeben haben, legte der 64-Jährige los. Seine Vertreter diskutierten mit, als es galt, mit US-Präsident Trump einen neuen Freihandelsvertrag zu vereinbaren. AMLO initiierte Foren, auf denen Angehörige von Gewaltopfern mit künftigen Regierungsmitgliedern über die katastrophale Menschenrechtslage sprachen. Seine Morena-Partei organisierte Volksbefragungen, in denen das Ende eines im Bau befindlichen Flughafens beschlossen wurde. Niemand interessierte sich noch für seinen regierenden Vorgänger Enrique Peña Nieto von der ehemaligen Staatspartei PRI. AMLO stahl ihm die Show.

taz, 30. November 2018

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Endstation Grenze

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Keine hundert Meter liegt das Land entfernt, an das Vicente Romero Pimea so grosse Hoffnungen knüpft. Er hat sich ganz nach oben gesetzt, auf die höchste Bank der hölzernen Tribüne der Sportanlage Benito Juárez. Von hier aus kann er über den rostigen, fünf Meter hohen Metallzaun hinwegblicken, der ihn von seinem Ziel trennt. 4000 Kilometer hat der 48-Jährige aus Honduras in den letzten Wochen zurückgelegt, um hierherzugelangen. Er hat tropische Regengüsse unter Plastikplanen ertragen, ist stundenlang bei brütender Hitze marschiert und hat die kalten Nächte überstanden. Jetzt ist er hier, in der nordmexikanischen Stadt Tijuana. Nur noch eine letzte Hürde müsste er überwinden, um in die USA einzureisen. Aber wie?

woz, 22. November 2018

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Endstation Tijuana

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TIJUANA taz | Sie haben sich ganz nach oben gesetzt. Von hier aus, von der höchsten Sitzbank der hölzernen Tribüne eines Baseballfelds, sieht man gut auf die andere Seite, auf die trockenen Berge und einige Häuser, die den Beginn einer größeren Stadt vermuten lassen. Nur eine Autobahn und ein vom Rost braun gefärbter drei Meter hoher Metallzaun trennen Vicente Romero ­Pimea und Marvin Josua Fernandez von dem Land ihrer Träume.

Und doch wissen sie nicht, ob sie diese Grenze jemals überwinden werden. Dabei haben sie in den letzten fünf Wochen 4.000 Kilometer zurückgelegt und zahlreiche Nächte mit tropischen Regengüssen unter provisorisch gespannten Plastikplanen verbracht. Sie sind bei unerträglicher Hitze stundenlang gelaufen, um genau hier anzukommen: in Tijuana. Von der Grenzstadt im Norden Mexikos aus wollen sie in die USA einreisen.

taz, 19. November 2018

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Allgegenwärtige Angst

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OAXACA taz | Wer am Dienstagmorgen die New Yorker Brooklyn-Bridge passieren wollte, musste mit erheblichen Verzögerungen rechnen. Die Brücke war gesperrt, selbst der Luftraum wurde abgeriegelt, wie auf Fernsehaufnahmen zu sehen war. Nur ein Konvoi gepanzerter schwarzer Fahrzeuge bewegte sich vom Manhattener Gefängnis Richtung Brooklyn.

Es war die Eskorte für den derzeit gefährlichsten Gefangenen des Landes: den mexikanischen Mafiaboss Joaquín Guzmán Loera,wegen seiner geringen Körpergröße auch „El Chapo“, der Kurze, genannt. In seiner Heimat war er zweimal aus dem Knast ausgebrochen. Hier im Herzen der USA wollten die Strafverfolger kein Risiko eingehen. Der 61-Jährige sollte sicher zu seinem Prozess im Eastern District Court gebracht werden.

taz, 14. November 2018

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Wenige Tage bevor am Montag in New York der Prozess gegen den mexikanischen Mafiaboss Joa­quín „El Chapo“ Guzmán beginnt, zog die US-Antidrogenbehörde DEA ein aktuelles Resümee. Das Sinaloa-Kartell Guzmáns sei weiter expandiert, heißt es in dem Bericht. Insgesamt seien die kriminellen Organisationen des Nachbarlandes die größte Bedrohung für die USA in Sachen Drogen. 91 Prozent des in den Staaten konsumierten Heroins stammten von dort. 2017 sei die Opiumproduktion in Mexiko im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent gestiegen.

Natürlich war nie zu erwarten, dass die Verhaftung des größten mexikanischen Capos sowie einiger seiner Konkurrenten das Drogengeschäft eindämmen würde. Die Kartelle sind interna­tio­nal organisierte Unternehmen, jeder ist ersetzbar.

taz, 4. November 2018

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Pures Leben

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Foto: © photodiscoveries – Flickr Creative Commons

Für die spanischen Eroberer war es die „reiche Küste“, heute gilt das tropische Paradies zwischen Karibik und Pazifik als die „Schweiz Mittelamerikas“. Zu Recht, denn Costa Rica hat einiges zu bieten: rund 900 Vogelarten, Raubkatzen, exotische Pflanzen und grüne Berge, auf denen – wie bei den Eidgenossen – glückliche Kühe grasen.

Die ökologische Vielfalt ist einmalig: Fünf Prozent der weltweiten Biodiversität befindet sich in dem Land, das im Süden an Panama und im Norden an Nicaragua grenzt. Regenwälder und vulkanische Bergketten wechseln sich ab mit subtropischen Trockensavannen und Mangrovensümpfen. Wer morgens in den Nebelwäldern des kühlen Hochlands wandert, kann den Nachmittag an Traumstränden mit Affen, Leguanen und Faultieren verbringen.

Süddeutsche Zeitung, 24. Oktober 2018

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„Wir machen das für unseren Sohn“

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Sollten sie sich auf den Deal einlassen? „Überlegt euch das gut, die Regierung hat ihre Versprechen oft nicht eingehalten“, dröhnt die Stimme von Irineo Mujíca durchs Megafon. Fast alle, die dem Aktivisten in der südmexikanischen Stadt Arriaga zuhören, lehnen ab. Nein, sie wollen nicht in den Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas bleiben. Und nein, sie verlassen sich nicht darauf, dass die Behörden ihnen dort Arbeit sowie Krankenversorgung bieten und ihre Kinder zur Schule gehen können.

Das hatte Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto angeboten, wenn sie nicht weiter Richtung Norden marschieren. Aber unter den Migranten, die sich auf dem zentralen Platz von Arriaga versammelt haben, dominiert das Misstrauen. „Also geht es morgen früh um drei Uhr weiter“, ruft Mujica von der Unterstützergruppe „Pueblo Sin Fronteras“ (Volk ohne Grenzen) und erntet dafür großen Beifall.

woxx, 31. Oktober 2018

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„Wir laufen bis zur US-Grenze“

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Die Sonne drückt, es ist unerträglich schwül. Wer nicht muss, läuft keinen Meter außerhalb der Zeltdächer, die ein wenig Schutz vor der tropischen Sonne bieten sollen. “Trinkt genug Wasser und bleibt im Schatten“, dröhnt die Stimme von Pfarrer Samuel Rosco aus den Lautsprechern.

Der Geistliche steht auf der Bühne, warnt vor Hitzschlägen und gibt über Mikrofon die wichtigsten Informationen weiter. Neben ihm verteilen Frauen Medikamente, einige Sanitäter drängen sich durch die Menschenmenge, dortin, wo gerade jemand nach einem Arzt gerufen hat. Immer wieder kollabiert jemand wegen der Hitze, mehrere Rettungswagen stehen bereit.

taz, 24. Okober 2018

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Nicaraguas falsche Freunde

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Erinnern Sie sich noch an Max Blumenthal? Er war einer von zwei Journalisten, die vor vier Jahren Gregor Gysi im Bundestag bedrängt und bis zur Toilette verfolgt hatten. Sie wollten den Linken-Politiker zur Rede stellen, weil er untersagt hatte, dass die israelkritischen Publizisten im Namen seiner Fraktion in deren Sitzungssaal und der Berliner Volksbühne sprechen. Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wollten beide dort für den Boykott Israels werben.

taz, 18. Oktober 2018

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Der Bruder, der verstehen will

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Aldo Gutiérrez, vor dem Angriff. Foto: Privat

Manchmal reagiert Aldo. Wenn sein großer Bruder ihn anspricht, bewegt er die Augen oder ballt die Hände vorsichtig zu einer Faust. Es sind die Momente, in denen Leonel Gutiérrez spürt, dass Aldo ihn wahrnimmt. „Er sieht und spricht nicht, aber er kann uns hören“, sagt Gutiérrez. Dann massiert der Mexikaner seinem Bruder die Beine oder sorgt dafür, dass die Kanülen richtig sitzen. Alle zwei, drei Stunden dreht er Aldos Körper, damit keine Druckstellen entstehen. Immer wieder putzt er ihm die Spucke vom Mund. „Unser einziger Trost ist, dass er selbstständig atmet.“

Leonel Gutiérrez bleibt sachlich, wenn er erzählt, wie er seinen Bruder pflegt. Tag für Tag verbringen er und andere Familienmitglieder in der Rehabilitationsklinik INR im Süden von Mexiko-Stadt. Seit dem 26. September 2014 vergeht keine Stunde, in der sie sich nicht um Aldo kümmern. An diesem Tag wurde der damals 19-Jährige Opfer eines brutalen Angriffs – und seitdem liegt er im Wachkoma.

Polizisten und Kriminelle gingen in der südmexikanischen Stadt Iguala bewaffnet gegen Studenten der pädagogischen Landschule Ayotzinapa vor. Sechs Menschen starben, 43 sind bis heute verschwunden. Aldo Gutiérrez blieb schwer verletzt am Boden liegen. „Sie haben ihm direkt in den Kopf geschossen“, sagt sein Bruder. „Die Kugel hat den Schädel durchdrungen und die Hälfte des Gehirns zerstört.“

taz, 26. September 2018

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