Tropischer Vandalismus

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Sie kamen im Morgengrauen, noch bevor die Sonne ihre ersten Strahlen auf die Häuser am Hang warf. Behelmt und mit Pistolen bewaffnet drangen die uniformierten Männer in La Ensenada ein. Stufe für Stufe schritten sie voran, von Tür zu Tür. „Wir hatten nur zwei Stunden Zeit, um alles zusammenzupacken“, erinnert sich Irene González. Zwei Stunden, in denen die Ve­nezolanerin alles aufgeben musste, was sie in den letzten 30 ­Jahren geschaffen hatte: ihr Haus, ihr Feld und vor allem ihre Comunidad – das gemeinschaftliche Leben im Viertel, das ihr so wichtig geworden war.

Amnesty-Journal, September 2017

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Hunger als Waffe

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Die Regierungspolitik in Venezuela spaltet die Gesellschaft zunehmend. Das zerstört auch das soziale Netz im Armenviertel La Vega am Rand der Hauptstadt Caracas, erklärt Jesuit Infante, der sich um soziale Projekte kümmert. Etwa mit der Lebensmittelzuteilung übe das Regime soziale Kontrolle aus.

Mittagspause in der Schule der Kirchengemeinde San Alberto Hurtado. Höchste Zeit für eine Mahlzeit. Etwa zwei Dutzend Jungen und Mädchen drängeln sich um einen langen Tisch. Ungeduldig warten sie auf das Essen.

Für einige von ihnen ist der Teller mit Bohnen, Reis und Kochbananen das einzige, was sie an diesem Tag zu sich nehmen. Denn im Armenviertel La Vega am Rande der venezolanischen Hauptstadt Caracas fehlt es an allem. Die Ladenregale sind leer, Grundnahrungsmittel sind nur für teures Geld auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Pfarrer Alberto Infante spricht von einer humanitären Krise.

Deutschlandfunk Kultur, 24. September 2017

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Im Auftrag der Bäume

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Manchmal fliessen einfach nur noch die Tränen. «Nicht aus Feigheit, sondern weil wir nicht fähig sind, uns zu verteidigen», sagt Ildefonso Zamora. Seine Augen verraten eine tiefe Traurigkeit. «Es ist ein Schmerz, der nie vergeht, ein Verlust, den man nicht überwinden kann». Dann schweift sein Blick vom Esstisch hinüber zu seiner Frau Modesta, die über dem Feuer Maisfladen zubereitet. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ihr Sohn Aldo ermordet wurde. Gemeinsam mit seinem Bruder Misael war der junge Mann am 15. Mai 2007 in einen Hinterhalt geraten. Mehrere Männer eröffneten das Feuer und töteten Aldo. Misael kam mit einer schweren Lungenverletzung davon.

Amnesty-Magazin Schweiz, August 2017

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Zum Abschuss freigegeben

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„Entweder Sie zahlen, oder Sie verbringen das Wochenende im Gefängnis“, drohte der Polizist in der venezolanischen Hauptstadt Carracas, ohne dass ich auch nur das Geringste verbrochen hätte. Darum ging es auch gar nicht. Der Beamte verlangte einfach Schutzgeld, und zwar nicht eben wenig. „Überlegen Sie, was Ihnen das wert ist!“ Seine Rechnung war einfach: Ich bin Ausländer – also verdächtig. Und ich bin kritischer Journalist – also ungefähr das Letzte, was man im venezolanischen Sozialismus gebrauchen kann.

Im Gegenteil: „Hier spricht man nicht schlecht von Chávez“, stellt ein Warnschild klar, dass in keiner Polizeistation, keiner öffentlichen Einrichtung und in keinem staatlichen Betrieb Venezuelas fehlen darf. Getarnt als Ausdruck revolutionärer Tugend ist dieser Satz eine Drohung an alle, die sich dem Regierungsdiskurs verweigern.

taz, 14. September 2017

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Feste feiern und blockieren

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Die Sache mit dem Müll ist hier im südmexikanischen Oaxaca etwas kompliziert. Wer nicht zwischen Kaffeeresten, Plastikverpackungen und gammelndem Gemüse untergehen will, muss die Signale hören. Und zwar morgens, in aller Herrgottsfrühe, zwischen sechs und sieben Uhr.

Um diese Zeit hält an der nächsten Ecke der Müllwagen. Um darauf hinzuweisen, läuten die Müllmänner zwei, drei Mal mit einer Glocke, die einen aus den Träumen reißen sollte. Alle Nachbarn rennen dann auf die Straße, bepackt mit Plastiktüten oder Eimern. Man begrüßt sich mit einem freundlichen „Buenos dias“.

taz, 3. August 2017

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Spuren der Erinnerung

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Huellas de la Memoria – Ausstellung in Berlin. Foto: Jessica Zeller

Spuren der Erinnerung – das ist eine Ausstellung, die gerade in Berlin zu sehen ist. Im Fokus: Die mexikanischen Verschwundenen und die Suche ihrer Angehörigen. Mindestens 32.000 Menschen gelten seit 2007 als vermisst. Die einen werden von Kriminellen verschleppt, andere verschwinden, während sie sich in den Händen von Polizisten oder Soldaten befinden. Seit Jahren suchen die Angehörigen nach ihren Söhnen, Töchtern oder Geschwistern und fordern Aufklärung. Der mexikanische Bildhauer Alfredo Lopez und sein Künstlerkollektiv machen nun mit einer ungewöhnlichen Ausstellungen auf die Verschwundenen und den Kampf der Angehörigen aufmerksam.

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Die traurige Kontinuität Mexikos

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MEXIKO-STADT taz | Jede Sohle erzählt von einer Geschichte. Zum Beispiel die von Letty Hidalgo: „Ich suche meinen Sohn Roy. Er ist am 11. Januar 2011 verschwunden.“ Oder die von Margarita Zacarías, der Mutter eines Studenten der Lehrerschule Ayotzinapa, der am 26. September 2014 verschleppt wurde: „Mein Sohn, ich möchte dir sagen, dass ich viel gegangen bin, um dich zu finden. Aber du sollst wissen, dass ich nicht aufgeben werde, und wenn es mich das ganze Leben kostet.“

Der Künstler Alfredo López Casanova hat solche Sätze in die Sohlen von Schuhen graviert. In die verschlissenen Sandalen, Stiefel oder Turnschuhe von Menschen, die sich in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen und Freunden befinden. Viele von ihnen haben damit Tausende von Kilometern zurückgelegt, um ihre Freunde und Angehörigen zu finden. Aus abgelegenen Dörfern der südmexikanischen Sierra sind sie nach Mexiko-Stadt gereist, um dort von oftmals gleichgültigen Staatsanwälten abgewiesen zu werden.

taz, 3. Juli 2017

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